Gruppe von Menschen sitzt um einen Tisch und führt eine lebhafte Diskussion. Ein Mann zeigt mit dem Finger nach oben, während

Man darf das ja nich‘ mehr…

Oder darf man doch? Oder nur anders? Und wieso werde ich überhaupt benachteiligt? Wird mir da was weggenommen? Dürfen die das? Muss ich mich dagegen wehren? Oder darf ich das gut finden?

Was hab ich jetzt wieder?

Naja. Tag zwei des neuen Jahres. Ich bin unter Menschen.

Und da gibt es verschiedene von. Und wenn verschiedene Menschen um denselben Tisch sitzen, werden Themen gesucht. Alles ganz normal.

Gerne werden Themen genommen, die polarisieren können und es erlauben, schnell auf einen gemeinsamen Nenner zu kommen. Auch ganz normal. Das verbindet und stärkt die Gemeinschaft.

Ich habe mich verändert

Oder anders ausgedrückt: ich habe an Lebenserfahrungen gewonnen. Mehr oder weniger freiwillig.

Ich bin interessanten Menschen begegnet. Ich habe gelernt. Meist habe ich mich selbst, oder die frühere Version von mir, hinterfragen müssen. Nicht selten voller Scham. Und ich bilde mir ein: zum besseren hin.

Manchmal sitze ich dann an Tischen, an denen entweder die gemachten Erfahrungen oder die daraus gezogenen Schlüsse reichlich anders sind als meine eigenen.

An diesem Punkt ist mir wichtig: Das ist in Ordnung so!
Mein Standpunkt ist nun einmal vor allem: Mein(!) Standpunkt.
Wir müssen nicht einer Meinung sein. Und schon gar nicht ausgerechnet meiner.

Aber: ich bemerke in solchen Runden ganz besonders die Veränderungen in mir. Besonders intensiv, wenn es um Themen geht, bei denen ich „früher“1 eine andere, oft gegensätzliche Meinung hatte.

Innerlich durchlebe ich dann Scham und Wut über mich selbst erneut.
Und manchmal, bei Themen, die mich ganz besonders getroffen haben, reagiere ich… Explosiv.
Weil ich das einfach nicht mehr im Stillen geschehen lassen möchte.

Politik

Über Politik muss gesprochen werden.
Nur so kann sie als Gesellschaft reflektiert und gelebt werden.

Und warum nicht „in geselliger Runde“?

Nur wenn es unsachlich wird… Da mische ich mich schon mal ein.

Wenn es, zum Beispiel, heißt „Die da oben…“, „die Strafen müssen härter werden…“, „Jemand müsste mal…“, oder auch „Ich wähle nicht mehr, weil…“, „Die sind ALLE unwählbar…“.

Je pauschaler die Anschuldigungen und je härter und drakonischer die Forderungen an nicht näher genannte, nebulöse Gestalten sind, desto weniger kann ich das mitgehen…

Die Jugend von Heute

Früher war alles besser. Das Moos war grüner und die Steine härter.

Gegenwärtig gerne genommen: „Die wollen ja gar nicht mehr arbeiten!“
Offensichtlich verkommt die Menschheit seit 300.000 Jahren mit jeder Generation etwas mehr!

Schläge

„Das hat uns auch nicht geschadet!“

Doch. Hat es.
Und wenn du so etwas sagst, deckst du jene, die es noch tut: Kinder und Schützlinge schlagen.
Und du machst denen, die geschlagen werden Angst und zementierst deren Ängste.
Bitte, bitte nimm Hilfe an.

„Ausländer“

Die sind eh an allem Schuld.
Und die sind gar nicht von hier. Und überhaupt! Dürfen die überhaupt hier sein?

Ich wohne im Ruhrgebiet.
Wenn du hier jemanden, der nicht eben blaue Augen und blonde Haare hat (was für ein ätzendes Cliché), nach seine Herkunft fragst, ist die Antwort vermutlich: Dortmund, Duisburg, Herne… Und so weiter.

Es gibt so viel dummes, in Teilen ekelhaftes Zeug, was da geredet wird. Ich will das überhaupt nicht wiedergeben! Manches davon darf ich gar nicht wiedergeben.

„Asoziale“

Wie „Ausländer“ – nur von hier. Oder so.

Ein anderes Wort ist „Sozial schwach“.

Wer das Pech hat, von der Solidargesellschaft abhängig zu sein, wird in der Regel auf so viele Arten gegeißelt und ausgegrenzt… Da muss jetzt nicht noch mit irgendwelchen Vorurteilen drauf herum gehackt werden.

Und „sozial schwach“ meint viel zu oft einfach nur „arm“, „einsam“, „krank“, „schutzlos“.

Gendern

Ich habe hier einen persönlichen Bezug.
Aber wer bin ich und wer bist du, dass wir uns erlauben, uns da einzumischen?!

Hand aufs Herz!
Ich kann nicht alles davon aus eigener Überzeugung mitgehen.

Aber ich kann damit leben.
Und das ist eine Übung, an der sich gerne mehr beteiligen dürfen.

Noch einmal: das ist nicht synonym zu „alles gutheißen“ oder „Dogma“.

Aber es ist eine gesellschaftliche Realität, das es offiziell nicht mehr „nur“ Männlein und Weiblein gibt. Das war noch nie ausreichend.
Und – Halleluja – inzwischen kann dieser Realität etwas mehr Ausdruck verliehen werden.

Geschlechtliche Identität ist ein Kontinuum – und nicht nur Männer, Frauen, Dinge.

Unsere Sprache ändert sich in einer Tour.
Das war immer so und das bleibt auch so. Unsere Sprache lebt beim Sprechen, bei jedem Wortspiel und in jedem Augenblick, indem wir versuchen, unseren Gedanken, Ideen, Vorstellungen ein besseres Wort zu geben, genauer, angemessener oder vielfältiger zu sprechen.

Was ich miterlebe ist oft wie das:
Jemand betritt eine Bäckerei. Bisher gab es da nur Bienenstich und Obststreusel.
Und sobald in der Auslage auch noch Nussecken, Donuts, Krapfen und – Gott bewahre! – Amerikaner liegen, macht sich Angst breit, man könnte Bienenstich und Obststreusel verlieren. Für immer!
Als ob es um ein Oder ginge. Dabei ist es ein Und!

Sei dafür. Sei dagegen. Aber toleriere die anderen.
Bitte!

Namen von Lebensmitteln

Jetzt komme ich endlich da an, wo es mich jüngst verlassen hat!

Nichts! darf man mehr…

Man darf nicht *****kuss sagen.
Man darf nicht Zigeunerschnitzel sagen.

Und was ist eigentlich mit Lumumba?
Das darf man angeblich auch nicht mehr sagen!

Gelbe, Rote, Braune, Schwarze2
Indianer, Eskimo, Hottentotten…

Jedes dieser Worte ist heute einfach inakzeptabel.
Und ja, ich habe von meiner Oma das Lied von den „Zehn kleinen *****lein“ gelernt. Ich habe Zigeunerschnitzel gegessen. Ich habe Cowboy und Indianer gespielt – und die Indianer waren immer die Bösen.

Jedes dieser Worte hat eine Vergangenheit.
Sie wurden ganzen Gruppen und Völkern wie ein Schild an die Stirn geklebt. Sie wurden von Fremden, von Eroberern und von den selbsterklärten Herrenrassen gemacht.

Jedes dieser Worte ist untrennbar damit verwoben, das die einen Menschen die anderen für minderwertig, unwert, primitiv und was noch alles gehalten – und so behandelt haben.
Wie Vieh. Wie Waren.

Menschenausstellungen in Zoos oder auf der Kirmes.
Menschenhandel. Sklaverei.

Die Frage ist definitiv nicht, ob man das noch darf oder ob irgendwer von uns bevormundet wird.
Die Frage ist, warum zum Henker irgendwer darauf besteht, diese Worte weiter zu verwenden?

Ich kann das kaum ertragen!
Es tut mir leid (Das ist nur ein Phrase! Es tut mir keinen Hacken leid!), aber ich mag nicht still sein.
Manchmal bin ich still. Aber danach fühle ich mich ekelhaft.

Rage und Courage

Dieser Beitrag ist definitiv entstanden, weil ich mir Luft machen musste.
Ich war in Rage und gefühlt kurz davor einen Kindergeburtstag zu sprengen.

Dieser Beitrag hat definitiv einen riesengroßen erhobenen Zeigefinger.

Diese Dinge, die oft genug in stammtischähnlichen Szenarien hin und her geblubbert werden…
Worte, Sätze, die gesagt werden, um dazu zu gehören. Um eine gemeinsame Basis für einen Abend zu schaffen. Meinungen, die einfach übernommen werden. Von irgendwoher. Aus der Bild oder von dem harten Rochen, der so coole Autos hat.. Aus der Familie… Von Freunden…
Diese Dinge rechtfertigen Grausamkeiten, die sich von uns niemand auch nur entfernt nach Länge und Breite vorstellen kann, nur um uns die Unannehmlichkeit zu ersparen, andere Worte zu verwenden. Geschweige denn anzuerkennen, was damit verbunden ist…

Rage ist nicht hilfreich.
Ich habe mich gerade noch bremsen lassen.

Aber (Zivil)Courage ist wichtig.

Achtet eure Gedanken.
Sie sind der Anfang eurer Taten.

  1. Früher. Ein nicht näher bezeichneter Zeitpunkt vor ein bis dreißig Jahren. []
  2. In Abgrenzung zum „Weißen Menschen“ nach Carl Linné: https://www.linnean.org/learning/who-was-linnaeus/linnaeus-and-race []
Avatar von Kay Helena

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