Ich habe mich verliebt: In die zahllosen Möglichkeiten der Keramik.
Einstiegsdroge
Ich habe mir Stunden an YouTube und Insta angesehen und bin baff erstaunt, wie viele Massen es gibt und auf wie viele verschieden Arten jede davon zu einem Scherben gebrannt werden kann.
Es hat etwas ein Jahr gedauert, da wollte ich das erste Mal den Ton verändern und habe mit Kupfer, Kobalt, Eisen und Titan experimentiert.

Je mehr ich lernte…
…desto weniger wusste ich.
So langsam dämmerte mir, dass es damit alleine nicht getan ist.
Wenn ich den Ton mit weiteren Oxiden versetze, ändere ich auch Eigenschaften wie Schwindung, Porosität bzw. Vitrifikation, Wärmeausdehnungskoeffizient, Glasurhaftung, Farbdurchbluten, Lebensmitteleignung…
Ich habe viel lesen und recherchieren müssen. Dabei habe ich vor allem auf Digitalfire und Glazy zurückgreifen können. Dazu vielleicht noch einzelne Erfahrungswerte aus YouTube und ein wenig Grundlagen aus Wolff Matthes „Keramische Glasuren“.
Und ich bin nun kaum schlauer. Da hilft nur ausprobieren!
Was möchte ich eigentlich?
Es hilft zu wissen, was man möchte. Ich möchte gerne die Möglichkeit haben, den Scherben auch ohne Glasur für Lebensmittel verwenden zu können. Mindestens für trockene Lebensmittel. Ein Traum wäre die Verwendbarkeit mit Kaffee, Tee, Saft und so weiter – also heißen und / oder sauren Lebensmitteln. Und, weil ich organische Oberflächen mag, möchte ich eine warme, erdige Oberfläche mit kleinen Unregelmäßigkeiten. Das können helle oder dunkle Flecken sein. Oder ganze Flächen, die sich leicht unterscheiden.
Daraus ergeben sich schon einige Anforderungen:
- Dichtsinternd
- Hochbrandfähigkeit
- Keine giftigen Bestandteile (wie Kobalt, Kupfer und anderes)
- Flussmittelanteil, vorzugsweise CaO oder K2O
- Plastizität zum modellieren
- Schrühscherben offenporig
- Wärmeausdehnungskoeffizient soll zu vorhandenen Glasuren passen oder es müssen passende angemischt werden
…Kurz: Ich möchte die eierlegende Wollmilchsau.
Versuchen und wieder versuchen
Ich verwende sehr gerne Witgert 11, eine weiß bzw. altweiß brennende Steinzeugmasse. Auf der Basis habe ich vier mir Rezepte zurechtgelegt: zwei warmbraune und zwei kaltbraune – je einmal mit Schamotte und einmal ohne.
Weil ich nur ein ¾ Achtel-Halbwissen zu der Materie habe, habe ich viel Zeit in den oben genannten Quellen gebadet. Und ich habe KI bemüht – was sich anfühlt wie Topfschlagen im Minenfeld.
Die Rezepte, auf die ich mich am Ende eingelassen habe, wurden trocken eingewogen und mit reichlich Wasser für eine Woche eingesumpft. Den Anteil der Ausgangsmasse Witgert „11“ kam daher aus Resten, die ich immer für z.B. Schlicker aufhebe.
Nach dieser Woche habe ich alles gründlich aufgerührt (Farbmischer + Akkuschrauber). Nachdem sich alles abgesetzt hat, habe ich das überschüssige Wasser entfernt und alles an der Luft eindicken lassen.
Von jedem Rezept habe ich erstmal eine einzelne Probe gemischt und auf einer Gipsplatte getrocknet, reichlich geknetet und einen Probekörper gemacht.
Der Probenkörper kann mir nach dem letzten Brand etwas über die Schwindung sagen, ich kann die Farbe und Textur sehen und die Wasseraufnahme testen.

Nach dem Brand
Nach dem oxidierenden Brand bei 1240°C sehen die Proben komplett anders aus.
Ganz oben habe ich als Referenz einen Scherben unveränderten Witgert 11 dazu gelegt. Die nächsten zwei musst du dir bitte vertauscht denken – du erkennst es an der Lage der Stempel.
Proben #2 und #3 sind hier im Grunde direkt ausgeschieden, obwohl ich die mittlere Probe von der Farbe und der Lebendigkeit her sehr mag. Aber die Blasenbildung im Brand ist ein vernichtendes Urteil.

Schwindung
Die ursprünglich für 100mm markierten Längen1 liegen nun bei:
- 91,0mm = 9% Schwindung
- 90,0mm = 10% Schwindung
- 91,5mm = 8,5% Schwindung
- 91,0mm = 9% Schwindung
- 90,0mm = 10% Schwindung
Allen Proben gemeinsam ist, dass sie im Gegensatz zum Ausgangsmaterial einen seidigen Glanz bekommen haben – was für eine beginnende Verglasung spricht. Das wäre genau das, was ich möchte, damit der Scherben selbst wasserdicht ist.
Eine vorzeitige Verglasung verhindert das Austreten von Gasen und fördert Blasenbildung.
Wasseraufnahme
Das Ziel ist eine Wasseraufnahme von 0,5gew.% oder weniger.
Ausgeschieden sind Proben #2 und #3, weil die Blasenbildung diese Rezepte disqualifiziert.
Rezepte #4 und #5 haben zwar ebenfalls Blasen gebildet – aber sehr viel weniger. Hier kann ich weitermachen.
Die Wasseraufnahme wird ermittelt, indem die Proben trocken verwogen und dann in Wasser gekocht werden. Im Grunde: Simuliertes Teekochen.
Dabei dringt Wasser in Poren ein und wird beim abkühlen sogar hinein „gezogen“, weil die erhitzten Gaseinschlüsse sich zusammenziehen.
Am Ende wird die gekochte und abgekühlte Probe noch einmal gewogen und die Gewichtszunahme gegenüber dem Ausgangsgewicht in Prozent berechnet.
Die Wasseraufnahmen nach 20 Minuten Kochzeit sind2:
- 28,00g Trocken: Aufnahme 0,4%3
- <disqualifiziert>
- <disqualifiziert>
- 33,25g Trocken: Aufnahme 6,9%
- 32,60g Trocken: Aufnahme 4,3%
Hier machen sich bei sichtbarer Verglasung also die Blasen wieder bemerkbar. Das sind genau die Hohlräume, die bei Frost das Material springen lassen.
Zwischenfazit
Das nächste Rezept, Probe #6, soll sich für an Probe #4 orientieren. Ich werde den Flussmittelanteil etwas senken müssen – gleichzeitig möchte ich aber einen Farbstich in das Material bringen.
Zum Teil werde ich das dadurch erreichen, dass ich die Schamotte von 0-1mm auf 0,5-1,0mm sieben werde. Das färbende Oxid der feinsten Partikel kann so keine nennenswerte Flussmittelwirkung entfalten.
Außerdem probiere ich Mangankarbonat zuzusetzen – oder eine bereits kalzinierte Form, um Ausgasungen zu minimieren.
Eine Variante davon soll Kobaltblau werden – ich mag die Farbe einfach sehr. Ein weiterer Vorteil von Probe #7 könnte werden, dass Kobalt ein enorm starker Farbstoff ist und so wenig zum Fluß beiträgt.
Nachteilig könnte sein, dass ich aufwendig in einem Labor die sichere Bindung des Kobalt in der Matrix untersuchen lassen muss.
Das wird dann der nächste Teil zeigen.


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